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Bauen im Neubaugebiet

Warum bauen im Neubaugebiet eine schlechte Idee ist

Überlegt euch gut, ob ihr wirklich im Neubaugebiet bauen wollt

Bauen im Neubaugebiet liegt schon seit Jahrzehnten im Trend. Warum das so ist, liegt klar auf der Hand: Ein Neubaugebiete wird (wie der Name schon sagt) komplett neu geplant – von den Straßen bis zur Anbindung an öffentliche Netze. Dadurch könnt ihr euch dort selbst verwirklichen und müsst keine Kompromisse eingehen. Die nachbarschaftliche Gemeinschaft könnt ihr mit gestalten. Ihr müsst euch nicht irgendwo in einer vorhandenen Nachbarschaft integrieren. Ihr seid eher unter Gleichgesinnten, hauptsächlich Familien mit Kindern. Außerdem gibt es in eurer neuen Nachbarschaft vermutlich weniger Singles oder alte Leute, die sich von Kinderlärm gestört fühlen könnten. Doch dass auch Neubaugebiete ihre Fallstricke haben, zeigt euch die Geschichte von Annika und Christoph.

Annika und Christoph: Wie das Häuschen auf der grünen Wiese zur Zerreißprobe wurde

Es ist 2011. Annika und Christoph suchen seit zwei Jahren ein Eigenheim. Prinzipiell sind sie sowohl offen für Altbauten als auch für‘ s Neubauen. Bisher haben sie aber noch nicht das richtige gefunden. Weder die Grundstücke, die sie sich angeschaut haben, passten zu ihren Vorstellungen, noch bei gebrauchten Häuser sprang der Funke über. Außerdem wurde alles immer teurer.

Doch dann wurde in Annikas Heimatgemeinde ein Neubaugebiet ausgewiesen. Annika und Christoph schauen sich den Acker an und studieren den Bebauungsplan.

Alles schien perfekt

Annika war sich sicher, dass sie nun den richtigen Bauplatz gefunden hatten. Christoph ist noch nicht überzeugt. Als er aber merkt wie euphorisch und glücklich seine Frau bei den Gedanken an dieses Grundstück ist, willigt er ein. Er möchte eigentlich näher an der Stadt bleiben, lässt sich aber von Annikas Vorfreude anstecken. Ihm ist Individualismus sehr wichtig und er hat im Bebauungsplan gesehen, dass es kaum Vorgaben zur Bebauung gibt. Christoph mag Flachdächer und als er gemerkt hat, dass die Dachform frei wählbar ist, konnte er sich auch vorstellen, dort ihr gemeinsames Traumhaus entstehen zu lassen.

Sie kauften also ein Grundstück im Neubaugebiet. Sie waren bei den ersten Käufern. Nach einigem Überlegen einigten sie sich auf ein modernes Massivhaus mit Flachdach eines Fertighausherstellers. Der Bau klappte zu ihrer großen Erleichterung bis auf Kleinigkeiten gut. Ein Jahr nachdem sie dort auf dem Acker gestanden hatten, zogen sie ein. Ihr Glück schien perfekt. Nun konnten Kinder kommen.

Schmutz, Baulärm und architektonisches Chaos

Nach einigen Monaten ließen die Glücksgefühle spürbar nach. Annika putzte nur noch, weil rundherum noch Baustellen waren und die Straße noch nicht fertig angelegt war. Die Nachbarn, die einen Monat vorher fertig geworden waren, sind irgendwie seltsam. Die tägliche Pendelei zur Arbeit in die Stadt nervt Christoph kolossal, da es sich jeden morgen staut. Annika hat zum Glück eine neue Stelle in der nahen Umgebung gefunden. Es ist noch so viel zu tun am Haus und vor allem im Garten. Aber es lohnt sich noch nicht mit der Gartengestaltung anzufangen. Zwar ist ihre Straße jetzt fertig gebaut, aber ein Großteil des Neubaugebiets ist noch eine riesige Baustelle. Im Garten kann man sich wegen des Baulärms also nicht aufhalten.

Annika und Christoph schlucken ihren Ärger runter und sprechen sich gegenseitig Mut zu, dass es eine Oase wird, wenn erst mal alles fertig ist.

Ein weiteres Jahr später, es ist mittlerweile 2014, bemerken sie etwas, das sie vorher nicht bedacht haben: Sie fanden es toll, dass sie ihrem Drang nach Individualismus freien Lauf lassen konnten, offenbar fanden das alle anderen Häuslebauer auch toll und so hat jeder gebaut, wie es ihm gefällt und Geschmäcker können seeehr verschieden sein. So steht ein Schwedenhaus neben ihrem modernen Flachdachhaus. Als nächstes ist da ein Bungalow mit Zeltdach und am Ende der Straße steht ein oranges Haus mit Säulen, das wohl griechisch aussehen soll. Da kommt einfach kein heimeliges Gefühl auf, wenn sie ins Neubaugebiet rein fahren.

Alles fertig, alles gut?

2015 ist alles fertig, inzwischen haben sie einen Sohn namens Henry. Alle Grundstücke sind bebaut und die ersten Hecken sind schon etwas gewachsen. Doch obwohl sich Annika und Christoph nie besonders für Architektur interessiert haben, stört sie dieses Allerlei doch ziemlich. Wenn Annika durch den ihr so vertrauten Ortskern fährt, fühlt sie sich sofort zu Hause. Sie mag die engen Straßen und dass irgendwie alles besser zusammen passt. Wenn sie nach Hause kommt ist dieses Gefühl verflogen.

Christoph stört es, dass sie immer mit dem Auto zum Bäcker fahren müssen, weil das bisschen, was noch an dörflicher Infrastruktur übrig geblieben ist, natürlich im alten Ortskern liegt. Er hat mal versucht im lokalen Musikverein Fuß zu fassen, doch dort wurde er als „Zugezogener“ zum Außenseiter. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins ging auch nach drei Monaten nicht weg, dann ist er wieder ausgetreten.

Aktive Nachbarschaft?

Das schöne am Neubaugebiet ist die Gemeinschaft, die aber mitunter auch anstrengend sein kann. Es haben sich regelmäßige Treffen mit ihren direkten Nachbarn eingeschlichen, wo es gilt die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Wer wartet mit dem tollsten Essen, mit der schönsten Tischdekoration und dem teuersten Whiskey auf. Annika und Christoph machen sich eigentlich nichts aus solchen Wettbewerben, das bekommen sie dann aber auch mit stichelnden Kommentaren zu spüren. Freunde sind die Nachbarn jedenfalls nicht geworden.

War es die richtige Entscheidung im Neubaugebiet zu bauen?

Inzwischen beginnen Annika und Christoph grundsätzlich an ihrer Eigenheim – im – Grünen – Idee zu zweifeln. So richtig wohl fühlen sie sich in dieser „Gemeinschaft“ nicht, wie soll das bloß erst werden, wenn die Kinder weg sind? Das architektonische Allerlei stört sie unterschwellig ständig und die Bäume wollen einfach nicht schneller wachsen. Das tägliche Pendeln zur Arbeit und die Angst die Raten nicht mehr stemmen zu können, falls der Job mal weg ist, frisst Christoph so langsam auf. Er denkt an Trennung, schiebt den Gedanken aber immer wieder beiseite, wegen Henry. Annika mag das Leben auf dem Land, doch als Kind war es anders. Sie hat sich alles sehr romantisch vorgestellt und sich Situationen ausgemalt, die im Nachhinein verdächtig nach Zeitschriftenstorys aussahen.

Wegen Trennungen oder notwendigen Umzügen auf Grund von Jobwechseln wurden schon wieder 7 von den 25 Häuschen verkauft. Wie Annika und Christoph zugetragen wurde, alle mit Verlust. Zwar steigen überall in den Städten und Stadtrandgebieten die Immobilienpreise, aber hier auf dem Land eben nicht. Im Gegenteil, im alten Ortsteil gibt es inzwischen immer mehr Leerstand. Den gab es auch, wenn auch nicht in dem Maße, bevor das Neubaugebiet ausgewiesen wurde. Eigentlich doch komisch…

Dann doch die Trennung

2017 – Enttäuscht über die Realität im Neubaugebiet, haben sich die beiden letztendlich getrennt. Christoph ist zurück in die Stadt gezogen. Annika ist mit Henry zu ihren Eltern ein paar Orte weiter gezogen. Jetzt versuchen sie ihr Haus zu verkaufen. Sie haben mit einem Verkaufspreis angefangen, mit dem sie plus-minus Null aus der Sache rausgegangen wären. Inzwischen sind sie mit dem Preis runter gegangen und versuchen wenigstens die Grundstücks und Baukosten wieder raus zu bekommen. Die Nebenkosten von damals haben sie bereits abgeschrieben. Auch auf den Kosten für die Zinsen und die Vorfälligkeitsentschädigung für die Bank werden sie wohl sitzen bleiben. Bis jetzt ist das Haus noch nicht verkauft.

Diese Geschichte ist mir von einem Bekannten zugetragen worden. Freunde von ihm (natürlich habe ich die Namen geändert) haben es so erlebt. Zugegeben das ist der Worst Case. So selten ist er aber leider nicht. Doch was ist bei den beiden eigentlich schief gelaufen? Und wie hätten sie das besser machen können?

Randbedingungen analysieren!

Nachteile beim Bauen im Neubaugebiet

  • Dreck und Baulärm: Neubaugebiete sind lange eine Baustelle, das bedeutet Lärm, Dreck und keine schöne Aussicht.
    schlechte Infrastruktur: Da die meisten Neubaugebiete eine eigene Siedlung am Ortsrand bilden, muss man für  Besorgungen o.Ä. in den Ortskern oder ins Gemeindezentrum mit dem Auto fahren.
  • Architektonischer Flickenteppich: Kommunen machen in Neubaugebieten selten gestalterische Vorgaben, um Interessenten nicht abzuschrecken. Dadurch ist ein architektonisches Durcheinander vorprogrammiert, weil jeder nach seinem eigenen Geschmack baut.
  • Verlust bei Verkauf: Ländliche Neubaugebiete sind keine attraktive Lage für Hauskäufer. Ein Verkauf mit Verlust ist in ländlichen Regionen wahrscheinlich.

Annika und Christoph haben die Randbedingungen nicht analysiert und waren sich deshalb auch nicht darüber im Klaren, was sie erwartet. Der Immobilienboom und die steigenden Hauspreise der vergangenen Jahre hat sie nach langer Suche dazu verleitet eine nicht ganz durchdachte Entscheidung zu treffen. Falsche Idealvorstellungen und fehlender Austausch über  Wünsche und Ziele, die mit dem Eigenheim verbunden sind, mussten zu einem Scheitern des Projektes Eigenheim und der Ehe führen.

Deshalb: vor der Entscheidung Wünsche und Vorstellungen besprechen

  • Habt ihr die gleichen Vorstellungen vom Leben im Neubaugebiete? Annika und Christoph wollten nicht das gleiche: Sie mag das Land, er mag das Leben nah an der Stadt.
  • Seid ihr wirklich bereit zu pendeln? Christoph war sich vorher nicht darüber bewusst, wie sehr ihn das Pendeln nerven wird. Überlegt euch gut, ob ihr den zusätzlichen Zeitaufwand wirklich in Kauf nehmen wollt, und bedenkt auch die Kosten.
  • Wie stellt ihr euch die nachbarschaftliche Gemeinschaft vor? Annika und Christoph haben sich ihre Nachbarschaft besser vorgestellt, als sie letztendlich war. Haltet euch vor Augen: Eine homogene Bewohnerstruktur kann auch langweilig sein. Im Neubaugebiet weiß man außerdem vorher nicht, wer sein Nachbar wird.

Gesellschaftliche und architektonische Probleme von Neubaugebieten

  • Fehlende Dorfgemeinschaft: Gesellschaftlich sind Neubaugebiete sehr problematisch, da es selten eine richtige Dorfgemeinschaft mit alten und neuen Bewohnern gibt.
  • Fehlende Baukultur: Neubaugebiete sehen überall gleich aus. Sie sind meist an Ortsrändern und zersiedeln die Landschaft. Dadurch lösen sie dadurch weniger ein Heimatgefühl aus. Städtebaulich und architektonisch verwässern Neubaugebiete den regionaltypischen Baustil.
  • Neubaugebiete fördern den Leerstand im Ort: Durch die vermeintlich attraktiveren Neubaugebiete bleiben alte Häuser im ursprünglichen Ort immer öfter leer. Dadurch sinkt die Attraktivität des ganzen Ortes. Die Immobilienpreise fallen weiter. Auch die Immobilienpreise für gebrauchte Häuser im Neubaugebiet sind von den fallenden Preisen betroffen. Das bedroht die Altersvorsorge und Existenz der Häuslebauer.

Gute Alternativen zu Neubaugebieten für Bauwillige

  • Gebrauchtes Haus mit guter Bausubstanz, gebaut in einem regionaltypischen Baustil kaufen, sanieren und an die persönlichen Komfortansprüche anpassen.
  • Haus in schlechtem Zustand zum Grundstückspreis kaufen und abreißen. Auf das Grundstück in gewachsener Struktur einen attraktiven Neubau bauen, der der regionaltypischen Architektur in angemessener moderner Weise Rechnung trägt.
  • Freie Grundstücke im gewachsenen Ort suchen. Wenn es keine Angebote gibt, dann bei Baulücken ruhig mal bei den benachbarten Häusern klingeln und den Eigentümer erfragen. Mit geschickter Argumentation dazu bewegen, dass ihr ihm ein Angebot unterbreiten könnt.
  • Wenn es unbedingt ein Neubaugebiet sein soll (aus welchen Gründen auch immer) dann fragt bei der Gemeinde nach, ob Baugemeinschaften willkommen sind und tut euch zu einer solchen mit Freunden, Familie und Bekannten zusammen und baut ein Baugemeinschaftsprojekt. → hohe gestalterische Qualität, geringere Bau- und Planungskosten als Einzelgebäude, ihr kennt eure Nachbarn vorher

Ist es bei euch oder bei Freunden ähnlich gelaufen oder ganz anders? Ich freue mich über eure Meinungen in den Kommentaren.